Hermann Schmidt, Jahrgang 1927, erzählt in seiner Autobiografie “Vom Alt zur Alb” auch von seinen Erlebnissen als Aushilfslehrer und späterer Schulleiter in Kleinengstingen (Oktober 1952 bis Herbst 1953). Der Siebenbürgen-Deutsche war als 17jähriger in die Sowjetunion deportiert worden, aus dem Bergwerk jedoch geflohen und später, nach dem Lehrerstudium, auch aus Rumänien. Das Nachkriegsdeutschland konnte ihn dringend gebrauchen.
Er unterrichtete die Oberklasse, also das 5. bis 8. Schuljahr. Der feuereifrige Klavierspieler wurde sofort auch zum Leiter des Gemischten Chores berufen:
“Weihnachten rückt näher. Mit dem gemischten Chor übe ich gründlich und bereite ihn auf die Gestaltung der Andacht am Heiligen Abend und am ersten Weihnachtstag vor. Diese Planung läuft mir zuwider, wollte ich doch zu diesem Zeitpunkt schon in Linz sein.” (Anmerkung: Er wollte auf einer Maico 175 zu Freundin Friedl, seiner späteren Frau nach Linz!))
“Ich habe keine andere Wahl, als zu der über fünfhundert Kilometer langen Reise mit dem Motorrad am Weihnachtstag erst im Anschluss an den Gottesdienst zu starten. Um nicht noch weitere Zeit zu verlieren, kleide ich mich am Morgen des Tages gleich für die winterliche Fahrt ein. Da habe ich aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn ich bemerke in der Kirche erst während des Auftritts des Chors, dass ich als Dirigent direkt über dem Heizungsschaft stehe, dem die sehr warme Luft von unten entströmt. Die zwei Garnituren Unterwäsche, die beiden Hemden, der dicke Pullover unter dem Anzug und der warme Wintermantel erschweren nicht nur die Armbewegungen beim Dirigieren, sondern heizen mir auch gehörig ein: Der Schweiß rinnt mir von der Stirn.
Ich verlasse die Kirche, eile nach Hause, streife den Mantel schon im Treppenhaus ab, esse die von Schwester Emilie bereitgestellte Reissuppe, zieh die Motorradhose und den alten, in Linz billig erstandenen weiß-grünen Wehrmachts-Tarnanorak über die dick aufgetragene Kleidung, wickele Schals um den Hals und stülpe die von Schenks geliehene Lederhaube über den Kopf, renne hinunter, prüfe den am Soziussitz festgezurrten Koffer, sage der Schwester Ade, setze mich aufs Motorrad und starte auf verschneitem Wege in Richtung Ulm. An der Straßengabelung bei Greut ist der hinter den geräumten Schneemassen versteckte Wegweiser nicht zu erkennen. Ich biege deshalb nicht rechtzeitig genug in eine der beiden Richtungen ab, sondern gleite trotz des Versuchs, die Maschine mit den Beinen zu stabilisieren, geradeaus weiter und stürze regelrecht in den Schneehaufen …”
“Spät nachts erreiche ich die Grenze am Walserberg, froh darüber, dass sie offen ist, die Beamten also noch im Dienst sind. Sie beäugen mich wie ein Wesen von einem anderen Stern. Als vermummte Gestalt auf dem Motorrad, dazu noch an diesem Abend, errege ich schon gehöriges Aufsehen. Erst recht, als ich eine Weile an meiner Kleidung herumfummele, zu guter Letzt dann endlich den Grenzern auf der bayerischen danach auf der österreichischen Seite mit vor Kälte unkontrollierbar, zitternden Händen die Papiere zur Kontrolle reichen kann. “Wo kommens denn her?” will einer wissen. “Ja, wie weit sans denn heit scho gfoarn?” fragt der andere erstaunt und setzt fort: “Wann sans denn aufbrochn?” Da schau her, und Geburtstag haben`S a”!
Hermann Schmidt lebt heute als Rektor i.R. in Mössingen. Im Jahr 2002 besuchte er Kleinengstingen aus Anlass eines Schüler-Jubiläums-Treffens. Unsere neue Blasiuskirche kennt er also nicht, und er freut sich darauf sie kennenzulernen. Der Textausschnitt ist einem Buch von Herrn Paul Kaufmann entnommen.