Beiträge mit Tag ‘Geschichte’

Das Archiv im alten Rathaus gibt darüber Auskunft. Dort steht unter dem 25. Juli 1862 zum Thema Orgel-Verkauf:

orgel“Wegen Anschaffung einer größeren neuen Orgel wird die alte nach vorheriger Bekanntmachung im Staatsanzeiger und Oberamtsblatt heute um 2 Uhr mittags an den öffentlich verkauft, der am meisten bietet. Zu den Bedingungen gehörte die Auflage, die gesamte Orgel mit 9 Registern und Zubehör zu kaufen und bis zum folgenden Montag auch komplett mitzunehmen. Denn da sollten genau geplant! die Teile der neuen Orgel in die Kirche transportiert werden.

Für 36 Gulden und 30 Kreuzer erhielt die Gemeinde Aichstetten im Oberamt Urach den Zuschlag.

Bekannt ist, dass unsere jetzige Kegelladen-Orgel bei den Orgelbauern Gruol und Blessing in Bissingen/Teck bestellt wurde. Am 21. Juli wurde der Transport von dort festgelegt:

Drei zweispännige Fuhrwerke sollten die Teile nach Kleinengstingen bringen. Aufgeteilt in einem “Wagen mit Tragegeschirr” und zwei “mit großen Leitern”. Pflicht für jeden Fuhrmann war, 1 Dutzend Stricke, Spannseile und genügend Tücher zum Abdecken bei eventuellem Regenwetter mitzunehmen.

Für das fachgerechte Laden waren die Orgelbauer verantwortlich. Das erste dafür vorgesehen Fuhrwerk gehörte dem Bauer Ludwig Glück. Gemeinderat Jacob Schenk übernahm das zweite und dritte. Im Vertrag zwischen Gemeinderat, Bürgerausschuss und den Orgelbauern (Unterschriften siehe Abbildung) steht, dass das neue Werk 1489 Gulden kostet und 10 Jahre Garantie besteht.

Siegfried Alt hat nicht nur die obigen Informationen gefunden, sondern auch eine Rechnung anlässlich des Festes zur Orgeleinweihung am 2. und 3. August 1862. Es wurde von Kirchenmusikdirektor Seitz und dem Liederkranz aus Reutlingen gestaltet. Hirschwirt Glück stellte dabei zu ihrer Verköstigung und Übernachtung eine Rechnung zusammen, die u.a. folgende Posten enthielt: Vormittags zum Brot
1 Schoppen Wein, zum Mittagessen 1 Schoppen und zum Abendessen 2 Schoppen pro Gast (1 Schoppen ist ein knapper halber Liter). Am ersten Tag gab es noch Rettich, am zweiten “Immenthaler Käs”.

Erwin Schneider

Die Kirche, also der Heilige, war früher eine sichere Bank. Ganz besonders auch die Kleinengstinger, denn sie war eigentlich begütert. Hatte sie doch teilweise bebautes Eigentum im Dorf, das als Lehen bewirtschaftet wurde und Einnahmen erbrachte vor allem durch den Verkauf von Haber.

blasiuskirche-1809Siegfried Alt hat im Kleinengstinger Archiv bei den “Heiligenrechnungen” zum Beispiel für das Geschäftsjahr 1806/07 eine ganze Seite mit Namen entdeckt, die damals “Kapitalien” ausgeliehen hatten die Kosten für den Kirchenbau von 1770/71 waren übrigens zu dieser Zeit längst bezahlt (!). So brauchte, u.a. Clemens Stooß 150 Gulden, der Bierbrauer Jakob Glück 100 und der Schneider Ludwig Mohl genau 34 Gulden.

Sogar der Heiligenpfleger, also der Kirchenpfleger selber, bediente sich. Und wofür? Vielleicht zum Kauf einer Kuh oder eines Pferdes, eines Grundstücks oder Hauses oder auch als Mitgift für die Tochter.

Da ja möglichst niemand den vollständigen Einblick in die eigene finanzielle Situation haben sollte, zapften die Älbler gerne verschiedene Geldquellen an. Und so stehen auf dieser Liste neben 15 Kleinengstingern auch Bürger aus Großengstingen: Martin Staneker nimmt einen Kredit von 50 Gulden auf, Joseph und Bartholomäus Betzmann von je 100. Ein Kunde des Kleinengstinger Heiligen wohnte sogar in Meidelstetten, ein anderer in Pfullingen.

Verliehenes Geld in diesem Jahr: Rund 1130 Gulden. Bei 5 Prozent Zinsen kamen über 66 Gulden zusätzlich ins Kirchensäckel. Zum Vergleich: Unser Taufstein kostete keine 12 Gulden.   Darüber aber ein andermal.

Erwin Schneider

Hermann Schmidt, Jahrgang 1927, erzählt in seiner Autobiografie “Vom Alt zur Alb” auch von seinen Erlebnissen als Aushilfslehrer und späterer Schulleiter in Kleinengstingen (Oktober 1952 bis Herbst 1953). Der Siebenbürgen-Deutsche war als 17jähriger in die Sowjetunion deportiert worden, aus dem Bergwerk jedoch geflohen und später, nach dem Lehrerstudium, auch aus Rumänien. Das Nachkriegsdeutschland konnte ihn dringend gebrauchen.

Er unterrichtete die Oberklasse, also das 5. bis 8. Schuljahr. Der feuereifrige Klavierspieler wurde sofort auch zum Leiter des Gemischten Chores berufen:

schnee2“Weihnachten rückt näher. Mit dem gemischten Chor übe ich gründlich und bereite ihn auf die Gestaltung der Andacht am Heiligen Abend und am ersten Weihnachtstag vor. Diese Planung läuft mir zuwider, wollte ich doch zu diesem Zeitpunkt schon in Linz sein.” (Anmerkung: Er wollte auf einer Maico 175 zu Freundin Friedl, seiner späteren Frau nach Linz!))

“Ich habe keine andere Wahl, als zu der über fünfhundert Kilometer langen Reise mit dem Motorrad am Weihnachtstag erst im Anschluss an den Gottesdienst zu starten. Um nicht noch weitere Zeit zu verlieren, kleide ich mich am Morgen des Tages gleich für die winterliche Fahrt ein. Da habe ich aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn ich bemerke in der Kirche erst während des Auftritts des Chors, dass ich als Dirigent direkt über dem Heizungsschaft stehe, dem die sehr warme Luft von unten entströmt. Die zwei Garnituren Unterwäsche, die beiden Hemden, der dicke Pullover unter dem Anzug und der warme Wintermantel erschweren nicht nur die Armbewegungen beim Dirigieren, sondern heizen mir auch gehörig ein: Der Schweiß rinnt mir von der Stirn.

Ich verlasse die Kirche, eile nach Hause, streife den Mantel schon im Treppenhaus ab, esse die von Schwester Emilie bereitgestellte Reissuppe, zieh die Motorradhose und den alten, in Linz billig erstandenen weiß-grünen Wehrmachts-Tarnanorak über die dick aufgetragene Kleidung, wickele Schals um den Hals und stülpe die von Schenks geliehene Lederhaube über den Kopf, renne hinunter, prüfe den am Soziussitz festgezurrten Koffer, sage der Schwester Ade, setze mich aufs Motorrad und starte auf verschneitem Wege in Richtung Ulm. An der Straßengabelung bei Greut ist der hinter den geräumten Schneemassen versteckte Wegweiser nicht zu erkennen. Ich biege deshalb nicht rechtzeitig genug in eine der beiden Richtungen ab, sondern gleite trotz des Versuchs, die Maschine mit den Beinen zu stabilisieren, geradeaus weiter und stürze regelrecht in den Schneehaufen …”

“Spät nachts erreiche ich die Grenze am Walserberg, froh darüber, dass sie offen ist, die Beamten also noch im Dienst sind. Sie beäugen mich wie ein Wesen von einem anderen Stern. Als vermummte Gestalt auf dem Motorrad, dazu noch an diesem Abend, errege ich schon gehöriges Aufsehen. Erst recht, als ich eine Weile an meiner Kleidung herumfummele, zu guter Letzt dann endlich den Grenzern auf der bayerischen danach auf der österreichischen Seite mit vor Kälte unkontrollierbar, zitternden Händen die Papiere zur Kontrolle reichen kann. “Wo kommens denn her?” will einer wissen. “Ja, wie weit sans denn heit scho gfoarn?” fragt der andere erstaunt und setzt fort: “Wann sans denn aufbrochn?” Da schau her, und Geburtstag haben`S a”!

Hermann Schmidt lebt heute als Rektor i.R. in Mössingen. Im Jahr 2002 besuchte er Kleinengstingen aus Anlass eines Schüler-Jubiläums-Treffens. Unsere neue Blasiuskirche kennt er also nicht, und er freut sich darauf sie kennenzulernen. Der Textausschnitt ist einem Buch von Herrn Paul Kaufmann entnommen.

Erwin Schneider